Ein Leben für die Menschlichkeit - Abbé Pierre

Die Mahnung kommt einem gerade sehr aktuell vor. Im Winter 1954, also vor 70 Jahren, rief Abbé Pierre zum "Aufstand für die Menschlichkeit" auf. In Paris war es bitterkalt, und der Priester wollte nicht wegsehen. Er fühlte sich zuständig, weil sich kein anderer zuständig fühlte. Bis dahin hatte der ehemalige Kapuzinermönch schon viele Leben gelebt, schon viel Aufstände angeführt. Der 1912 als Sohn einer wohlhabenden Familie geborene Franzose war Mönch, litt unter Tuberkulose, kämpfte in der Resistance, verhalf Juden zur Flucht in die Schweiz, war Mitglied der Nationalversammlung und gründete die weltweit tätige Emmaus-Bewegung. Henri Grouès war sein Taufname, bis ihm seine Freundin Lucie Coutaz (Emmanuelle Bercot) während der Zeit des Widerstands gegen die Nazis den Decknamen Abbé Pierre verlieh. Über 40 Jahre war sie die Mitstreiterin eines Aufständischen.

Regisseur Frédéric Tellier hat sich einiges vorgenommen: Wie erzählt sich eine Lebensgeschichte nach, die so viele Leben und so viele Geschichten in der Spanne zwischen 1912 und 2007 umfasst? Am besten im großen Format! Das Bio-Pic ABBÉ PIERRE - EIN LEBEN FÜR DIE MENSCHLICHKEIT wählt dabei die Perspektive des Protagonisten. Seine Überzeugungen und seine Zweifel ummanteln die Handlungsstränge. Benjamin Lavernhe (BIRNENKUCHEN MIT LAVENDEL), den man eigentlich im komischen Fach verortet, nimmt diese Herausforderung extrem ernst. Lavernhe trägt den Film. Er bekommt allerdings Marscherleichterung, weil Emmanuelle Bercot als Lucie Coutaz weit mehr ist als eine Stichwortgeberin. Der Regisseur malt wuchtige und opulente Bilder auf die Leinwand. Warum sollen solche Panoramen immer nur Schlachtengemälden vorbehalten sein? Zur Bedeutung des Kämpfers für die Menschlichkeit: 30 Jahre lang führte er die Liste der beliebtesten Franzosen an. Auf eigenen Wunsch ließ er sich von der Liste streichen. Telliers Lebensdrama macht es schwer, ihn nicht wieder drauf setzen zu wollen.

Frankreich 2023

Regie: Frédéric Tellier

Darsteller: Benjamin Lavernhe, Emmanuelle Bercot, Michel Vuillermoz u.a.

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Ab 12 Jahren  |  138 Minuten

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