Im toten Winkel

Die deutsche Regisseurin Simone (Katja Bürkle) dreht im Nordosten der Türkei einen Film über "immaterielle Denkmäler". Genau gesagt, sie filmt die alte Kurdin Hatice (Tudan Ürper). Jeden Freitag kocht sie eine Suppe zur Erinnerung an ihren vor 26 Jahren entführten Sohn. Leyla (Aybi Era) unterstützt als Übersetzerin das Projekt. Sie bringt das siebenjährige Mädchen Melek (Çagla Yurga) mit. In die Augen des Kindes zu schauen lässt Simone erschauern. Ein Interview mit dem Menschenrechtsanwalt Eyüp (Aziz Çapkurt) ist geplant. Es kommt nicht zustande. Die Perspektive wechselt: Leylas Nachbar Zafer (Ahmet Varli), der Vater von Melek, beobachtet mit Argwohn das Filmprojekt. Aus gutem Grund: Es könnten (für ihn) gefährliche Wahrheiten ans Licht kommen. Kurzerhand entführt er Eyüp. Melek spricht derweil von einem unbekannten Fremden in der Wohnung. Dessen versteckte Kameras zeichnen auf, was Zafer tut. Der Mann ahnt die Gefahr. Er versucht seine Tochter zu retten. Denn längst ist die Vergangenheit gegenwärtig geworden.

Es reicht nicht Ayse Polats Film IM TOTEN WINKEL als Mystery-Movie zu etikettieren. Durchaus, die Szenen in denen Melek von ihren Träumen (?) spricht, wirken unheimlich. Die Regisseurin will aber mehr als das Fürchten lehren. Sie arbeitet in ihrem Polit-Thriller türkische und kurdische Geschichte und Gegenwart auf. Die abrupten Perspektivwechsel vermitteln: Die Wahrheit hängt von der Sichtweise ab. Die unterschiedlichen Film-Formate bis hin zum hochkanten Handybild und der verschleierten Spionage-Kamera lassen ahnen: Alles lässt sich ins Bild setzten und doch bleibt stets ein toter Winkel. Was sich hier so formvollendet liest, ist vor allem und ganz besonders ein mörderisch spannender Film, der bei der Berlinale in der Reihe "Encounters" seine Premiere feierte.

Deutschland 2023

Regie: Ayse Polat

Darsteller: Aybi Era, Katja Bürkle, Ahmet Varli u.a.

 

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Ab 16 Jahren  |  119 Minuten

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